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Wanderparadies statt Schießgelände

AWO Eislingen besuchte ehemaligen Truppenübungsplatz und Altes Lager

13.4.2008 - Harald Kraus

 

Bis vor wenigen Jahren bestimmten Panzer und andere Militärfahrzeuge das Geschehen im Münsinger Hardt, dem 6.700 Hektar großen Gelände, das als Truppenübungsplatz diente. Dorthin unternahm die Eislinger AWO am vergangenen Samstag eine Bus-Exkursion. Wie Soldaten im Kaiserreich untergebracht wurden, war im „Alten Lager“ zu erfahren, einer heute unter Denkmalschutz stehenden Kasernenanlage.

„Die Stadt Münsingen hat nach dem Abzug der französischen Streitkräfte und zuletzt der Bundeswehr das Beste aus der Situation gemacht“, erklärte die „Alb-Guide“ Maria Tittor aus Zwiefalten, die die AWO-Gruppe bei ihrer Fahrt über das riesige Gelände begleitete und mit zahlreichen Informationen versorgte. Wo früher die Panzer ratterten und ihre Schießübungen absolvierten, dürfen heute – allerdings nur auf gelb gekennzeichneten Wegen – Wanderer und Radfahrer eine einzigartige Alblandschaft erkunden.

Dort wo früher die Kasernen der Bundeswehr gestanden haben, befinden sich heute 100 schmucke, neu erbaute Einfamilienhäuser. Zu günstigen Preisen war es insbesondere Familien mit Kindern ermöglicht worden, ein neues Zuhause zu bauen. Besonders offenkundig wurden die Folgen des Abzugs der Militärs im Münsinger Stadtteil Auingen, wo sich früher zahlreiche Geschäfte befanden, in denen die Soldaten ihren Bedarf gedeckt haben. Heute stehen praktisch alle Ladenlokale leer, denn über 5000 Kunden sind infolge der Schließung des Truppenübungsplatzes auf einen Schlag verlorengegangen. Eine Strukturkrise für die gesamte Region, die fast ausschließlich vom Truppenübungsplatz „lebte“, musste überwunden werden.

Die Münsinger haben aus der Not eine Tugend gemacht und sich unter anderem darauf verlegt, das heute für jedermann begrenzt zugängliche Gelände für Touristen, Wanderer und Radfahrer zu erschließen und ihnen die Schönheiten des jahrzehntelang von negativen Umwelt-Einflüssen abgeschirmten Territoriums zu zeigen. Insbesondere das frühere Dorf Gruorn, von dem heute nur noch die liebevoll renovierte Kirche und das Schulhaus existiert, fand die besondere Aufmerksamkeit der AWO-Gruppe aus dem Filstal. 1938 mussten die 620 Einwohner auf Befehl des NS-Regimes ihre Heimat verlassen, weil die Militärs das Übungsgelände vergrößern wollten.

Auch ein weiteres finsteres Kapitel der Geschichte des „Platzes“, wie ihn die Einheimischen kurz und knapp nennen, wurden nicht verschwiegen. Unzählige Kriegsgefangene aus den osteuropäischen Ländern wurden im Münsinger Hardt interniert und fanden dort häufig den Tod. Davon zeugen noch heute die Überreste des Gefangenenlagers und des dazu gehörigen Friedhofs.

„Eine Spezies hatte allerdings in all den Jahren freien Zugang“, sagte die Alb Guide Maria Tittor schmunzelnd, denn über 7000 Schafe beweiden seit Jahr und Tag die Wiesen und Felder auf dem früheren Truppenübungsplatz. So lag es nahe, dass die AWO-Gruppe vom Schäfer Allgaier in seinem Domizil empfangen und bewirtet wurde. Gulasch, Bratwurst oder Fleischkäse vom Lamm schmeckten ausgezeichnet.

Das „Alte Lager“ am Rande des früheren Truppenübungsplatzes war die zweite Station im Besuchsprogramm der AWO. Dort sind Gebäude und Einrichtungen der Kaserne aus dem Kaiserreich in großem Umfang restauriert und original erhalten worden. Nicht nur das beeindruckend elegant eingerichtete Offizierskasino, sondern auch das alte Postgebäude der Kaserne hatte in Zeiten ohne Telefon, Fax und Handy eine hohe Bedeutung und sorgte für die einzige Verbindung der Soldaten, die hier vier bis fünf Monate im Manöver waren, in ihre Heimat. Heute wird das gesamte Gelände und die „Post“ von der Traditionsgemeinschaft ehrenamtlich gepflegt und für die Gästebetreuung genutzt. Engagiert vermittelten die Männer einen Eindruck von den Verhältnissen im 19. Jahrhundert, als die Anlage zusammen mit dem Schießplatz von Soldaten aus dem gesamten Reich belegt wurde. Nach dem 2. Weltkrieg nutzte das französische Militär 47 Jahre lang die Anlage, bevor sie 1995 die Bundeswehr übernahm, aber 2004 dem Sparprogramm zum Opfer fiel.

Die Zeit reichte der AWO-Gruppe nicht, um auch noch das angegliederte Museum zu besichtigen, in dem die wechselvolle Geschichte des Platzes und des Militärs während der verschiedenen Epochen anhand vieler Exponate nacherzählt wird. Zum Beispiel gibt es die Munitionsmustersammlung, in der man nachvollziehen kann, welche Geschosse auf dem „Platz“ verschossen oder abgeworfen wurden. Diese Hinterlassenschaften sind auch der Grund dafür, warum heute das Gelände des Münsinger Hardts noch immer nur auf speziell gekennzeichneten Wegen betreten und befahren werden darf. Denn es besteht noch heute wegen der vor allem im Platzinneren liegenden Kampfmittel eine hohe Gefahr, der sich Besucher keinesfalls aussetzen sollten.

Ansonsten zeugt aber heute im gesamten Areal nichts mehr von der früheren militärischen Nutzung. Alle Anlagen wurden abgebaut und nur wenige Übrigbleibsel zeugen von dem ehemaligen Verwendungszweck. Die abwechslungsreiche Landschaft strahlt eine beeindruckende, wohltuende Ruhe aus und kündet davon, wie es hier vor mehr als 110 Jahren, als die militärische Nutzung begann, ausgesehen haben muss. Die Anliegergemeinden und der NABU legen großen Wert darauf, dieses in Deutschland einmalige Gelände zu erhalten und die kommerzielle Nutzung auf die Panzerringstraße, die mehreren Kraftfahrzeugherstellern als Teststrecke dient, zu beschränken.

 

 

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