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Rudolf Kausler – der Eislinger Mörike? Oder: Ein verhinderter Literaturprofessor

als Dorfpfarrer Stadtarchivar Martin Mundorff berichtete

05.3.2018 - Redaktion pr

 

„Der Mörike und der Hegel,
der Schiller und der Hauff,
das ist bei uns die Regel,
das fällt hier gar nicht auf“.

Sie hören es: Alles schwäbische Dichter aus dem Württemberger Ländle. Und dieses Zitat des Kunsthistorikers und Dichters Eduard Paulus (1837-1907) mutet so gar nicht schwäbisch-bescheiden an. So wie wir es mit dem pietistischen Gepräge Württembergs in Verbindung bringen. Dieser durchaus selbstbewusste Ausspruch eines Schwaben zielt auf etwas ab was keine angeberische Aufschneiderei ist, sondern den Tatsachen entspricht. Württemberg hatte in der Zeit zwischen dem 18. und dem 19. Jahrhundert eine ausgesprochen hohe „Dichterdichte“.

Meine Damen und Herren, für einen kleinen Moment nehme ich Sie nun mit von Württemberg nach Griechenland. In der Sagenwelt des griechischen Altertums gilt der Berg Parnass bei Delphi als Heimstatt der Musen, der Göttinnen der schönen Künste. Der Parnass wird im übertragenen Sinn auch als Inbegriff der Lyrik, der „Dichtung in Gedichtform“ verstanden. Kein Wunder, dass Bernhard Zeller, einer der großen Literaturkenner des Landes, in diesem Zusammenhang vom „schwäbischen Parnass“ gesprochen hat. Der Literaturhistoriker und Archivar Bernhard Zeller (1919-2008), war Gründungsdirektor des Deutschen Literaturarchivs und in Personalunion Direktor des Schiller-Nationalmuseums in Marbach am Neckar.

Doch woher rührt diese „Dichterdichte“ in Württemberg? Eine grundlegende Weichenstellung hat mit der Einführung der Reformation in Württemberg zu tun. Damals wurden aufgehobene Klöster zu Seminaren, Stätten zur Ausbildung für den akademischen, insbesondere theologischen Nachwuchs. Wer als Teenager, wie wir heute sagen, die Seminar-Zeit erfolgreich durchlaufen hat, dem standen die Tore für eine theologische Laufbahn am Tübinger Stift aber auch für ein Hochschulstudium im Allgemeinen offen. Hätte es schon damals PISA-Studien gegeben, möchte ich zu gerne wissen, was dann bei öffentlichen Verlautbarungen zum Besten gegeben worden wäre. Ich glaube nichts Negatives. Wie auch immer, wir sehen: auf Basis dieses Systems mit Seminarschulen rekrutierte das Land in vorindustrieller Zeit seinen Nachwuchs an evangelischen Pfarrern, an Lehrkräften und an höheren Verwaltungsbeamten.

Dieser „Kaderschmiede“ gehörten auch zwei Personen an, die beide Pfarrer geworden sind, und die ich bereits in meinem Vortragstitel genannt habe: Eduard Mörike und Rudolf Kausler.

Folie 2: Porträt Mörike
Zunächst ein paar Worte zu Eduard Mörike.
Er wurde 1804 in Ludwigsburg geboren und starb 1875 in Stuttgart. Der Sohn eines Medizinalrats und einer Pfarrerstochter wurde schon in früher Jugend der Weg zum Beruf des evangelischen Pfarrers gewiesen. Zeitlebens hegte Eduard Mörike Zweifel an der Berufung zum Pfarrersberuf. Schon früh entwickelte Mörike einen Hang zur Schriftstellerei. Doch wie viele andere Zeitgenossen mit ähnlichen Ambitionen wagte er nicht den Sprung zum freien Schriftsteller.
Mörikes schriftstellerisches Werk ist breit aufgestellt. Zahlreiche Gedichte, teilweise vertont von Hugo Wolf, sind von ihm erhalten. In mein Gedächtnis geprägt hat sich seit Schulzeiten das wunderbare Gedicht „Septembermorgen“. Es wird der Romantik zugeordnet, hat aber bereits Ansätze, die später im Impressionismus auftauchen. Im Feld der Prosa nenne ich beispielhaft das „Stuttgarter Hutzelmännlein“ mit der Erzählung der „Historie von der schönen Lau“, die uns zum Blautopf nach Blaubeuren führt, und die Novelle „Mozart auf der Reise nach Prag“. Nicht zu unterschätzen ist Eduard Mörikes Übersetzertätigkeit im Bereich der antiken griechischen und römischen Poesie.

Bereits zu Lebzeiten wurde Eduard Mörike als einer der bedeutendsten Schriftsteller nach Goethe und Schiller verehrt. Die Erinnerung an ihn wird in unserem Raum durch zahlreiche Straßenbenennungen und durch die Namenspatenschaft für Schulen, wach gehalten. Z. B. wurde in der benachbarten Kreisstadt Göppingen das Mörike-Gymnasium nach ihm benannt.

Folie 3: Porträt Rudolf Kausler
Mit dem Stichwort „die Erinnerung wach halten“ komme ich nun zum zentralen Punkt des heutigen Vortrags, zur Person Rudolf Kausler. Wenn ich mich nicht täusche können die meisten unter ihnen mit ihm nicht allzu viel verbinden. Zu den wenigen, die sich mit Rudolf Kausler beschäftigt haben, gehört die Kirchengemeinderätin Ingrid Schramm. Sie sprach mich auf den Pfarrer und Schriftsteller Rudolf Kausler an. Was war das Ergebnis des längeren Gesprächs zwischen Frau Schramm und mir? Ich gab in meiner Eigenschaft als Eislinger Stadtarchivar die Zusage, im Rahmen eines Gemeindenachmittags zu dem in Vergessenheit geratenen Pfarrer und Dichter Rudolf Kausler zu sprechen. Im übertragenen Sinn trifft da das Luther-Motto zu „hier stehe ich und kann nicht anders“.

Die Grundzüge der Lebensgeschichte Rudolf Kauslers hat mein Vorgänger im Amt des Eislinger Stadtarchivars, Rainer Weiler erforscht. Seine Forschungsergebnisse hat er in dem 1968 veröffentlichten Eislinger Stadtbuch „Eislingen, Stadt an der Fils“ zu Papier gebracht. Vor diesem Hintergrund freue ich mich sehr, seine Witwe Esther Weiler unter den Zuhörern zu begrüßen.

Geboren wurde Rudolf Kausler in Göppingen am 26. August 1811. Dort war sein Vater Christian Kausler Oberamtmann. Auch wenn der Vergleich ein wenig schief liegt, wir können die Funktion des Oberamtmanns in etwa mit der heutigen Funktion des Landrats vergleichen. 1819 zog die Familie Kausler nach Stuttgart. Bereits drei Jahre später verstarb der Vater Christian. Die Familie wurde in der Folgezeit in Winnenden ansässig. Der weitere Lebensweg führte den jungen Rudolf – und das wird Sie nach dem was ich eingangs über den „Schwäbischen Parnass“ geschildert hatte, nicht wirklich wundern – an das Seminar nach Blaubeuren und ab 1829 an die Universität Tübingen zum Theologiestudium. 1834 wurde Rudolf Kausler nach seiner ersten theologischen Dienstprüfung Bibliothekar am Tübinger Stift. Mit seinem weitreichenden Wissen der Literatur im Gepäck kam er in Kontakt mit zeitgenössischen Schriftstellern wie Hermann Kurz (1813-1873), Berthold Auerbach (1812-1882) und Eduard Mörike (1804-1875). In dieser Phase, genauer gesagt in den Jahren 1837/38 publizierte Kausler auch seine ersten schriftstellerischen Arbeiten. Dazu zählte ein Aufsatz über „Ludwig Tieck und die deutsche Romantik“ in der Zeitschrift „Freihafen“. Mit seinem Bruder Eduard erarbeitete er 1840 eine Übersetzung zur „Geschichte der Kreuzzüge“ des Wilhelm von Tyrus.
Trotz dieser Tätigkeiten scheint es, dass sich Rudolf Kausler gerade in dieser Zeit von dem Gedanken verabschiedet hat, als freier Schriftsteller zu wirken. Vielmehr richtete er sein Ehrgeiz auf eine akademische Karriere aus – freilich ohne Erfolg. Die angestrebte Professur für Philosophie im Jahr 1840 ließ sich nicht verwirklichen. 1841 wurde er an der Universität Tübingen mit einer Arbeit über den „Begriff der Wissenschaften“ zum Doktor der Philosophie promoviert. Das darauffolgende Engagement als akademischer Lehrer in Freiburg blieb nur eine kurze Episode. Nach seiner Rückkehr an den Lebensmittelpunkt der Familie in Winnenden entschloss er sich endgültig evangelischer Geistlicher zu werden.

Folie 4: Porträt Eduard von Kausler
An dieser Stelle noch ein Wort zu Rudolfs Bruder Eduard Kausler (geb. 20. August 1801 in Winnenden, gest. 27. August 1873 in Stuttgart, in späterer Zeit mit einem „von“ geadelt): Mit ihm unterhielt Rudolf Kausler durch sein ganzes Leben eine enge Beziehung. Sein großer Bruder Eduard schlug als studierter Jurist und Mittelalterhistoriker eine Laufbahn als Archivar am Stuttgarter Staatsarchiv ein. Bemerkenswert ist ein gemeinsames Veröffentlichungsprojekt der Brüder aus dem Jahr 1840. Sie fassten eine Übersetzung der „Geschichte der Kreuzzüge“ des Wilhelm von Tyrus aus dem Lateinischen ins Deutsche ab. Laut der allgemeinen deutschen Biographie leistete bei den Übersetzungsarbeiten unser Rudolf Kausler den Hauptteil der Arbeit. Damit zusammenhängend ging Eduard von Kausler ein sehr ambitioniertes Projekt an. Er erforschte die altfranzösische Fassung mittelalterlicher Rechtstexte des Königreichs Jerusalem. Freilich brach er dieses Unternehmen nach dem ersten Band ab, weil in Frankreich quasi zeitgleich eine Konkurrenzveröffentlichung von Victor Foucher (1802-1866), dem Schwager des berühmten französischen Schriftstellers Victor Hugo, erschienen war.

Folie 5: Porträt Rudolf Kausler
Doch zurück zu Rudolf Kausler. Nach seiner zweiten theologischen Dienstprüfung trat er verschiedene Pfarrvertretungsstellen im Land an. Es ist erstaunlich, dass gerade in dieser Phase, als Rudolf Kausler fest als Pfarrer Fuß fasst, sein literarisches Engagement kräftige Blüten treibt. Im Stuttgarter Verlag Krabbe erschien 1851 eine ganze Reihe von ihm verfasster Erzählungen. Krabbe veröffentlichte übrigens auch bereits 1840 die erwähnte Übersetzung der Brüder Kausler zum Geschichtswerk des Wilhelm von Tyrus.

Der frühere Eislinger Stadtarchivar Rainer Weiler merkt zum dichterischen Schaffen Rudolf Kauslers in dieser Phase folgendes an. Ich zitiere: „Die neun Novellen, zwei davon in Versen, sind sprachlich sorgfältig und gefühlvoll gearbeitet, durchaus in der Romantik verwurzelt, aber mehr von der Form als vom Inhalt her gestaltet. Ein empfindsames, ästhetisches Lebensgefühl, das Kausler – wie aus vielen Briefen zu schließen – eigen war, bestimmt immer wieder diese vorwiegend historischen Novellen. Eingestreut in diese Erzählungen sind verschiedene Gedichte Kauslers, dir durch diese Veröffentlichung erhalten blieben. Vom übrigen dichterischen Schaffen Kauslers liegt heute nur noch wenig vor. Manches blieb in den Anfängen stecken, blieb unveröffentlicht, so der Versuch eines dramatischen Gedichtes 1850/51“. Soweit das Zitat. Generell ist zu sagen, dass sich Rudolf Kausler immer wieder bemüht hat, im Feld des Dramas Fuß zu fassen. Diese Bemühungen waren nicht vom Erfolg gekrönt. Allem Anschein nach war die edle, feine Sprache, gewissermaßen Kauslers Markenzeichen, zu beschaulich, zu lyrisch und damit letztendlich zu wenig dramatisch.

An dieser Stelle eine Kostprobe von Rudolf Kauslers lyrischem Schaffen. Ich zitiere das Gedicht Morgenlied, das 1851 veröffentlicht wurde.
Wohlauf, wohlauf, der Tag kommt schnell,
hört, wie das Klosterglöckchen hell
durchs Tal sein Ave schwingt!
Der Berg zum Licht den Gipfel reckt,
der Wald mit frischem Rauschen weckt,
was fliegt und singt und springt.
Wohlauf, wohlauf!
Und spielet auch ein lieber Traum
Euch kostend um die Brust,
der schönste Traum ist schöner kaum
als Sommermorgenlust.
Wohlauf, wohlauf, du junges Herz!
Ist es der Sehnsucht Lust und Schmerz,
was dir das Auge senkt?
Blick auf, zu deinen Häupten blüht’s
Und deinem Mund entgegenglüht’s
Was dich zur Ferne lenkt.
Wohlauf, wohlauf!
Ob sich im schönsten Sehnen wiegt
Dein Herz, o komm zurück,
Das Kühnste Sehnen überfliegt
Ein frisches Lebensglück

Ein neuer Lebensabschnitt begann für den Junggesellen Rudolf Kausler 1854. In diesem Jahr wurde er in dem heute zu Geislingen/Steige gehörenden Albdorf Stötten Pfarrer. Formulieren wir es so: Die Anforderungen, die man dort an den Gemeindepfarrer stellte, waren so, dass für Kausler genügend Zeit für seine literarischen Ambitionen blieb. Bezeichnend ist was er 1862 an seinen Dichterfreund Berthold Auerbach schreibt, ich zitiere: „Mein äußerliches Leben schleicht einen so einförmigen Pastoralgang, dass ich Dir nicht viel sagen kann. Einen Ausflug an den Bodensee, den ich diesen Sommer mit meiner Schwester machte, war in diesem Jahr die einzige Abwechslung. … Dem politischen Gebiet bleibe ich ferne, da es mir in keinem der verschiedenen Lager gefällt.“ – Zitat Ende.

Aus dem Jahr 1854 hat sich ein Brief von Eduard Mörike(!) an Rudolf Kausler erhalten. Mörike vermittelte damals ein mögliches Engagement Kauslers für das etwas anspruchsvolle Beiblatt der Metzlerischen Fraenzeitung Salon.
Ich zitiere hier aus dem Brief: „Verehrter Herr und Freund! Der Redakteur des unterhaltenden Beiblattes der Metzlerischen Frauenzeitung (Salon) Herr Friedrich Christian Kolb, klagte mir gestern seinen Mangel an guten Mitarbeitern im Feld der Erzählung.
Ich glaubte ihn daher auf Sie aufmerksam machen zu müssen und erbot mich zu einer vorläufigen Anfrage bei Ihnen. Vielleicht hätten Sie irgendeine kleine Arbeit vorrätig, oder doch in naher Aussicht. Das Honorar soll ganz anständig sein; das Nähere wird Ihnen, wenn Sie im Allgemeinen nicht abgeneigt sind, sogleich mitgeteilt werden. Sie würden an Kolb einen liebenswürdigen Mann kennen lernen, mit dem sich leicht verhandeln lässt. Der erste Grundsatz des zugleich für die weibliche Jugend berechneten Blattes, dass alles vermieden werden soll, was sittlich auch nur scheinbar anstößig sein könnte, braucht Ihnen gegenüber kaum eine Erwähnung. Ich freue mich dieser Gelegenheit, Sie einmal wieder von Herzen zu grüßen … Ihr Eduard Mörike“.
Was aus diesem Angebot Mörikes an Kausler geworden ist, ist nicht bekannt.

Folie 6: Der Vorgängerbau der heutigen Lutherkirche
Meine Damen und Herren, machen wir an dieser Stelle einen zeitlichen Sprung, und zwar ins Jahr 1863. Das ist dann ein Zeitpunkt, wo es für uns als Eislingerinnen und Eislinger interessant wird. In diesem Jahr wurde Rudolf Kausler Pfarrer in Eislingen! Genau genommen müssen wir sagen Pfarrer in Kleineislingen. Die Stadt Eislingen in der Form wie wir sie heute kennen gibt es erst seit 1939. Gebildet wurde die Stadt aus den bis dahin selbständigen Gemeinden Groß- und Kleineislingen. Die Mehrheit des nördlich der Fils gelegenen Dorfs Großeislingen war katholisch. Die meisten Bewohner des südlich der Fils befindlichen Ortes Kleineislingen hatten das evangelische Gesangbuch.

Folie 7: Groß- und Kleineislingen am Vorabend der Industrialisierung
Um Ihnen klar zu machen, was Rudolf Kausler anstelle des beschaulichen Schwäbische-Alb-Dorfs Stötten erwartete, muss ich ein wenig ausholen. Machen wir miteinander eine kleine Zeitreise in das 19. Jahrhundert! Bis in die Zeit um 1840 waren die beiden Dörfer links und rechts der Fils geprägt von Landwirtschaft mit etwas Handwerk und Handel. In den Jahren danach setzte die Industrialisierung ein. Entlang der Mühlkanäle entstanden die ersten Fabriken. Warum das? Ganz einfach! Woher sollte im rohstoffarmen Württemberg die Energie kommen, um Maschinen in Gang zu setzen? Kohle zum Betreiben von Dampfmaschinen, wie wir es aus dem Ruhrgebiet kennen, gab es nicht. Da half es nur, Fließgewässer mittels Räder und Turbinen zur Energiegewinnung zu nutzen. Zudem war es für die Industriepioniere ganz praktisch, Mühlen aufzukaufen und diese in kleine Fabriken umzubauen. Damit konnten elegant bestehende Konzessionsrechte für die Wassernutzung übernommen werden. Mit der Einführung der flächendeckenden Elektrizitätsversorgung zwischen 1890 und 1900 gewann die industrielle Entwicklung erheblich an Schwung.

Und das hatte, wie Sie sich vorstellen können, gewaltige Auswirkungen auf die Bevölkerungsentwicklung. Mit der Aussicht auf etwas mehr Wohlstand zogen viele Menschen aus ärmeren Gegenden ins Filstal, um in den eben entstandenen Fabriken Brot und Arbeit zu finden. Kleineislingen hatte am Vorabend der Industrialisierung rund 900 Einwohner. Nur 70 Jahre später, im Jahr 1905 waren es knapp 3000! In Großeislingen war die Entwicklung gewissermaßen identisch.

Folie 8: Groß- und Kleineislingen auf der Bachmayerschen Karte
Diese sprunghaften Veränderungen in der Bevölkerungsentwicklung waren es auch, die zu einer Neuorganisation der Pfarreien geführt hatte. Bis Mitte des 19. Jahrhunderts gehörten die evangelischen Bewohner der Ortschaften Kleineislingen, Großeislingen mit Krummwälden und den Eschenbächen, St. Gotthardt und den Ursenwanger Höfen zur Pfarrei Holzheim. Mit anderen Worten der amtierende Holzheimer Pfarrer hatte einen Sprengel zu versorgen, der modern gesprochen von Schlat über Holzheim und Eislingen bis Ottenbach reichte. Und das nicht mit dem Auto, sondern zu Pferd und zu Fuß! Im Zeichen des Bevölkerungsbooms insbesondere in Kleineislingen zog die zentrale Kirchenverwaltung in Stuttgart „die Notbremse“: 1856 wurde Kleineislingen eigenständige Pfarrei. Die evangelischen Bewohner aus Großeislingen mit Krummwälden und den Eschenbächen wurden der Kleineislinger Pfarrei zugeordnet.

Folie 9: Der Vorgängerbau der heutigen Lutherkirche auf der Stüblerschen Karte
Aus dem Briefverkehr mit Freunden wird deutlich, dass Rudolf Kausler in der Anfangszeit in Eislingen – sagen wir es salopp – einen Kulturschock zu verarbeiten hatte. Er stieß hier auf all das, was seinem Wesen fremd war: die Industrie und die damit verbundenen sozialen und politischen Probleme. Entsprechend hatte er in der sechsmal größeren Pfarrei verglichen mit Stötten alle Hände voll zu tun. Ans Dichten war zunächst überhaupt nicht zu denken. Erst ab 1865 finden sich wieder Notizen, die darauf schließen lassen, dass er wieder schriftstellerisch tätig war. So entstand die Märchendichtung „Zauber um Zauber“, in der es um Merlin, den Magier an Ritter Artus‘ Tafelrunde ging. 1870 wandte sich Kausler der dramatischen Behandlung von Psyche und Cupido zu. Auffällig war, dass Rudolf Kausler wenig Interesse verspürte, seine in Eislingen entstandenen Arbeiten zu veröffentlichen. Verdienste um das Bekanntwerden von Rudolf Kauslers „Merlin“ erwarb sich der Tübinger Literaturprofessor Hermann Fischer, der Schöpfer des „Schwäbischen Wörterbuchs“. Er war es, der den Stoff in seine „Beiträge zur Literaturgeschichte Schwabens“ 1899 aufnahm. Hermann Fischers Vater war übrigens der aus Süßen stammende Lyriker und Dramatiker Johann Georg Fischer, der sich vom Volksschullehrer zum Stuttgarter Oberrealschulprofessor hochgearbeitet hatte.

Ein eindrückliches Zeugnis über Eislingen und seinen Pfarrer Rudolf Kausler stellt der Pfarrbericht von 1870 aus. Von der kirchlichen Oberbehörde in Stuttgart wurden solche Berichte in regelmäßigen Abständen angefordert. Heute geistern dergleichen Dinge unter Begriffen wie „Evaluation“ durch die Pfarrbüros.

Um es vorwegzunehmen: Das Urteil über die Eislinger und ihren Pfarrer fällt nicht allzu schmeichelhaft aus. Ich zitiere: „Die Teilnahme an dem öffentlichen Gottesdienste ist ziemlich stark. Auch der Hauptgottesdienst fehlt in den meisten Häusern nicht. Für allgemeine christliche Zwecke wird gerne und ziemlich viel gegeben, Krankenbesuche sind willkommen; überhaupt verhalten sich die Leute gegen den Geistlichen so, daß derselbe keinerlei Grund zu klagen wider die Gemeinde hat. Im Allgemeinen steht aber die Gemeinde auf einer gegen viele andere Gemeinden unsers Landes niederen Stufe wie im Sittlichen so auch im Intellektuellen. Namentlich fehlt es den Leuten an Ehrgefühl und ihre Religiosität ist zum Teil nur eine abergläubische Furcht. Die Kinderzucht ist im Durchschnitt schlecht. Das Geschäft, die männliche ledige Jugend in Ordnung zu halten überlassen Eltern d. Lehrherrn, den Lehrern und der Obrigkeit, die hiermit viel Mühe und Not hat. Auch die heranwachsenden Mädchen werden viel zu wenig von den Eltern und Angehörigen bewacht. Unter den Männern gibt es nicht wenige, die dem Trunk ergeben sind; auch die Mehrzahl der ordentlichen Bürger besucht das Wirtshaus viel öfter und länger als für ihr Haus gut ist. Daher viele Ehedispute auch Streitigkeiten der Gemeindeglieder untereinander.
Die meisten Einwohner von Klein- und Großeislingen sind Weber welche in ihren Häusern für die Fabriken in Göppingen arbeiten. Ein kleiner Teil, der meist aus jüngeren Leuten besteht, arbeitet in den hiesigen und Göppinger Betrieben. Die Zahl der Bauern ist gering. Gelegenheit zu gutem Verdienst ist selbst für alte und kranke Leute vorhanden. Wenige aber kommen zu einem ordentlichen Besitz. Die Männer verbringen ihren Verdienst in den Wirtshäusern, die Weiber und Mädchen durch Kleiderluxus.

[Randnotiz des Dekans:] Die Gemeinde gilt als eine der sittlich am tiefsten stehenden des Bezirks. Das Fabrikwesen führt viele Leute von vorübergehendem Aufenthalt und leichter Sitte hierher. An den Sonntagen ist Klein- und Großeislingen vergnügungssüchtiger als Göppingen. Daher die Sonntagabende vielfach Wirtshausunfug mit sich führen. Vorherrschendes Laster ist Trunksucht. Für Beteiligung an christlichen Unternehmungen wie innere und äußere Mission zeigt sich wenig Sinn … Pfarrer Kausler ist nicht unbegabt und besitzt mannigfaltige Bildung. Doch scheint er mehr Aesthetiker [= Schöngeist] als Theolog zu sein. Es fehlt aber gegenwärtig dem Dekan noch die sicheren Anhaltspunkte, den Umfang und Grad der wissenschaftlichen und insbesondere theologischen Kenntnisse des Pfarrer Kausler zu beurtheilen. Bei seinem zurückgezogenen Leben welches ihn höchst selten an Umgang mit Amtsgenossen führt, kann Dekan über sein ganzes Wesen kaum weiter sagen als dass er den Charakter und Wandel mehr als durchaus achtbar, aber der Gemeinde welche an Wille, sehr nötige, rührige und nachhaltige Kraft erfordert, fast zu still und schüchtern und eine als zu beschauliche Natur erscheint. Er scheint sich allerdings mit seinem Amt, Mühe zu geben, ohne jedoch den Anforderungen welche der Zustand und die Verhältnisse dieser Gemeinde stellen, vollkommen gerecht werden zu können. Krankenbesuche und die übrige Seelsorge scheint er sich nicht zu entziehen; doch vermag Dekan weder Fleiß noch Geschick daran sicher zu beurteilen und das Matrikelzeugnis nur mit dem Vorbehalt eines Ratens auszustellen.“ Sie erinnern sich an den zweiten Titel für meinen Vortrag: ein verhinderter Literaturprofessor als Dorfpfarrer. Dazu setzen sollte ich: Dorfpfarrer in einem Industriearbeiterdorf mit einigen sozialen Brennpunkten. Sagen wir so: Irgendwo ist es bedauerlich. Rudolf Kausler hätte sicher ein anderes Umfeld und den Eislinger/innen ein Pfarrer, der mehr bei den Menschen ist gut getan.

Ab 1870 stellten sich bei Rudolf Kausler zunehmend altersbedingte Gebrechlichkeiten ein. Die Personalakten, die ich im Landeskirchlichen Archiv in Stuttgart gesichtet habe, lassen darauf schließen, dass Rudolf Kausler bereits in diesem Jahr einen Schlaganfall erlitten hatte. Es ist nicht auszuschließen, dass noch ein weiteres „Schlägle“, wie es auf Schwäbisch heißt, hinterherkam. Die Vikare Weitbrecht und dann Pezold, die Kausler ab 1872 zur Seite gestellt wurden, hatten dementsprechend alle Hände voll zu tun. Rudolf Kauslers gesundheitlicher Zustand verschlechterte sich zusehends. Schließlich trat er 1874 in den Ruhestand und starb noch im selben Jahr im Alter von 63 Jahren.

Folie 10: Die heutige Lutherkirche
In dem Werk „Maanis Leichenfeier“ äußert sich Rudolf Kausler zur Schönheit. Ich zitiere das Gedicht:
Was in göttlicher Schönheit leuchtet,
erst verlierend gewinnen wir’s
unverlierbar,
unantastbar,
in der Seele geheimsten Grunde
stille geborgen.

Folie 11: Eduard Mörike und Rudolf Kausler
Meine Damen und Herren,
ich habe als Titel meines Vortrags ausgewählt „Rudolf Kausler – der Mörike Eislingens?“ Nun interessiert sie sicherlich meine Meinung zu dieser Frage. Ich komme zu einem Ja mit einigen Einschränkungen. Mit Eduard Mörike verbindet Rudolf Kausler eine ganze Reihe von Übereinstimmungen:
der Bezug auf die vertraute Heimat in den Werken
ebenso eine gewisse Weltflucht
das Ausklammern der politischen und sozialen Fragestellungen der Industrialisierungsphase
die Orientierung an dem Zeitgeist der Spätzeit der Romantik im Schaffen
die qualitätvolle Sprache beim Dichten
sowie ein gewisser Zwiespalt zwischen Beruf und der Berufung zum Dichten.
Freilich konnte Kausler nie die überregionale Bedeutung eines Eduard Mörike erlangen. Mag sein, dass Mörike mit seinen sprachlichen Ausdrucksmöglichkeiten gegenüber Kausler im Vorteil war, weniger zurückgezogen lebte und auch auf ein tiefer greifendes Netzwerk in Literatenkreisen zurückgreifen konnte. Desungeachtet können wir beim Dichterpfarrer Kausler auf ein beachtenswertes literarisches Schaffen schauen. Immerhin hat ein Gutteil des schriftlichen Nachlasses von Rudolf Kausler seinen Platz im Deutschen Literaturarchiv in Marbach am Neckar gefunden.

Randnotizen:
1) Machen wir uns nichts vor: ein verhinderter Literaturprofessor als Dorfpfarrer (Hermelinck!)
2) Kauslers schriftlicher Nachlass ist verteilt auf verschiedene Stellen:
UB TÜ besitzt Kauslers Diss, die Übersetzung der „Geschichte der Kreuzzüge“ und den Aufsatz über Tieck.
Das Bändchen mit den Erzählungen ist in der La Bi S verloren gegangen, aber in der Bayerischen Stabi München noch vorhanden.
Teil des Nachlasses, v. a. die Briefe sind in Marbach vorhanden.

3) Auszüge aus dem Pfarrbericht 1870:
Statistisches.
Mutterort Kleineislingen: 1303 Evangelische, 34 Katholische
Filialie Krummwälden: 54 Evangelische, 70 Katholische
Filialie Großeislingen: 531 Evangelische, 1038 Katholische
Gesamt: 1888 Evangelische, 1139 Katholische

 

 

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Rudolg Kausler

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