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„Wo ich daheim war“

Trutnov/ Trautenau ehrt Josef Mühlberger

25.10.2015 - Tina Stroheker Fotos: Teilnehmer in Trutnov

 

Manchmal geschieht etwas, das uns das Gefühl gibt, etwas gutes Neues habe begonnen. So ging es mir jetzt in Trutnov/ Trautenau (Tschechische Republik), Josef Mühlbergers Geburtsstadt.

Entstehung eines Netzwerkes
Das Thema ‚Sudetendeutsche’ war Jahrzehnte lang für viele Tschechen durch einen zwiefachen Ballast schwierig: Durch die Erinnerung einerseits an die deutsche Annexion des Sudetenlandes im Oktober 1938, andererseits an die Ereignisse um die Vertreibung nach Kriegsende. In den letzten Jahren ist in Trautenau ein entspannterer Umgang mit dem deutsch-böhmischen Sohn der Stadt, auch mit dessen Bruder Alois, entstanden. Die vielen Kontakte zu Organisationen in Deutschland haben sicher mit zu diesem neuen Interesse beigetragen. Ein engagiertes Netzwerk hat sich gebildet, im Mittelpunkt das Institut ‚Gedächtnis des Riesengebirges’ und das Deutsch-Tschechische Begegnungszentrum, unterstützt vom Staatlichen Bezirksarchiv, dem Literarischen Club und dem Münchner Sudetendeutschen Institut.

Ein Veranstaltungsreigen
Und im Jahr von Josef Mühlbergers 30. Todestag wurde nun richtig losgelegt! Eine Reihe von Veranstaltungen hat großes öffentliches Interesse geweckt. Ich zähle auf: Ein Übersetzungswettbewerb sollte Gymnasiasten verlocken, sich intensiv mit einem Mühlberger-Text zu befassen und wurde gut angenommen. Ein echtes ‚Event’ war es, als der von Mühlberger beschriebene ‚Korso’ nachgespielt wurde, der in den österreichisch-ungarischen Ländern (zu denen Böhmen bis 1918 gehört hat) Tradition gewesen ist. Man traf sich um 18 Uhr auf dem Marktplatz, um flanierend Kontakte zu pflegen, sich eine Stunde auszutauschen. Am 12. September spazierten nun viele Trautenauer, vor allem junge, in historischen Gewändern unter den Arkaden der Ringplatzhäuser, ein Riesenspaß. Es folgte am 8. Oktober eine Konferenz im neuen Uffo-Zentrum, an der ich teilnehmen konnte und bei der in elf Vorträgen Themen zu Mühlberger beleuchtet wurden. Eine ästhetisch gelungene Ausstellung war in der Lobby installiert. An Mühlbergers ehemaligem Gymnasium wurde eine Gedenktafel (Schöpfer: Petr Beneš) enthüllt, neben Bürgermeister Ivan Adamec waren Vertreter der Partnerstädte anwesend, auch ein Grußwort des Eislinger Oberbürgermeisters Klaus Heininger aus Mühlbergers ‚zweiter Heimat’ wurde verlesen. Diese Stunde war wunderbar entspannt und fröhlich inszeniert – vom Waldhornsignal aus den Fenstern der benachbarten Musikschule zu Beginn der Veranstaltung bis zu Sekt und Buttercremetorte in Buchform am Ende. Tags darauf folgte ein Spaziergang auf den Spuren des Schriftstellers.

Tagungsthemen
Wie Bürgermeister Adamec sagte, wissen die meisten Trautenauer wenig über ihre Stadtgeschichte, vor allem die der Deutschen; dies soll sich ändern. Und es gibt überraschend viel Quellenmaterial über die Mühlberger-Brüder in Archiven und Museen in Trautenau und Umgebung; ein Schwerpunkt der Konferenz. Ein Vortrag würdige Alois Mühlberger, den Reformpädagogen und tapferen sozialdemokratischen Antifaschisten. Auch wurde über die Stadtgrenzen hinaus geblickt, z.B. auf Mühlbergers Engagement für Franz Kafka und seine Freundschaft mit Max Brod (Referat Susanne Lange-Greve, Heubach), seinen Umgang mit der Frage der deutschen Schuld in NS-Zeit und Krieg (Zdeněk Mareček, Brünn), ich sprach über sein Leben in Württemberg und Eislingen.

Blick nach vorn
Ermutigend ist, dass engagierte junge Menschen die Stafette übernommen haben, allen voran Eva Hrubá, die Direktorin von ‚Gedächtnis des Riesengebirges’ und Lenka Buková Vizková, die Leiterin des Deutsch-Tschechischen Begegnungszentrums, beide noch unter vierzig. Sie möchten mit dem Netzwerk die Menschen, zumal Jugendliche, nicht nur über den Kopf, sondern auch über das Herz ansprechen. Besonders Josef Mühlbergers Texte seien, so Eva Hrubá, „gute Türöffner“ zu Lebensfragen. Auch charmante kleine Ideen sollen die Neugier fördern - so gab es neben der wissenschaftlichen Tagung, der Ausstellung und der Gedenktafel-Enthüllung etwa ein Lesezeichen mit einem Exlibris aus einem Mühlberger-Buch, einen hübschen Button, einen lustigen Plan zum Stadtspaziergang. Denn nicht pflichtgemäße ‚Erinnerungsarbeit’ soll betrieben werden, sondern Freude und Lust auf mehr sollen entstehen.

In Eislingen wurde durch die Mühlberger-Tage, in Heubach durch Mühlberger-Verein und Schriftgutarchiv die Erinnerung an Josef Mühlberger angestoßen, nun ist in Trautenau etwas in Bewegung gekommen, das Josef und Alois Mühlberger in die Stadt zurückbringen soll, „wo ich daheim war“. Wir dürfen gespannt sein, wie es weitergeht – und bleiben in freundschaftlichem Kontakt, über die Grenzen hinweg.



 

 

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Eislingen

Die Gedenktafel Foto: Susanne Lange-Greve


Eislingen

OB Heiningers Grußwort wird verlesen Fotos: Ludek Jirasek

Eislingen

Zdenek Marecek (re) 2013 Gast bei den Mühlbergertagen in Eislinge mit Tina Stroheker

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